Samstag, 21. Oktober 2017

Buchrezension: Joyce Scott - Unzertrennlich

Joyce Scott
Unzertrennlich
Das unglaubliche Schicksal der Zwillinge Joyce und Judith. Eine wahre Geschichte über Liebe und Kunst


Inhalt: 

Die Schwestern Joyce und Judith verbindet von Geburt an ein enges Band, als wären sie eine Person. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Judith hat das Down-Syndrom, und sie spricht nicht. Den Mädchen ist dieser Unterschied egal. Sie wissen instinktiv, was die andere denkt und fühlt und wie es ihr geht. Sie teilen alles und schlafen gemeinsam in einem Bett. Doch eines Morgens, als Joyce aufwacht, ist Judith spurlos verschwunden. Dies ist die unglaubliche, wahre Geschichte von zwei Schwestern, die gegen ihren Willen getrennt und erst nach über dreißig Jahren wieder vereint werden. Sie handelt von Liebe und Verrat, von Unmenschlichkeit und großer Zuwendung – und der späten und unerwarteten Geburt einer großen Künstlerin. 

Rezension: 

"Unzertrennlich" ist der autobiografische Roman von Joyce Scott, der das Leben der beiden Zwillingsschwestern Judith und Joyce Scott beschreibt. 
1943 geboren, wachsen beide Mädchen die ersten sieben Jahre unzertrennlich bei ihren Eltern in Cincinnati auf. Als Joyce eingeschult wird und die am Down Syndrom erkrankte Judith zu Hause bleiben muss, ist die Mutter überfordert mit der Tochter, die unruhig auf der Suche nach ihrer Schwester durch das Haus tigert. Judith wird daraufhin in einer Einrichtung für Behinderte untergebracht, wobei den Eltern attestiert wird, dass die Tochter in ihren Fähigkeiten so eingeschränkt ist, dass keine Förderung möglich ist. 

Für Joyce, die ihre Schwester auch ohne Worte verstanden hat, ist nicht nachvollziehbar, dass Judith in eine Einrichtung voller Fremder gegeben wurde. Die mehrstündige Fahrt in einen anderen Bundesstaat ist den Eltern bald zu aufwändig, weshalb die Besuche sukzessive weniger werden. Später kann Joyce mit Hilfe ihres älteren Bruders Judith besuchen. Mit Entsetzen muss sie feststellen, dass Judith alle Zähne gezogen worden sind, um sie prophylaktisch vor Zahnarztbesuchen zu schützen. 

Joyce hat bald eine eigene Familie, zwei Töchter von zwei verschiedenen Männern, neben der ältesten Tochter, die sie zur Adoption freigegeben hat. Mit Anfang 40 beschließt sie, die Vormundschaft für Judith zu beantragen und aus der Behinderteneinrichtung zunächst zu sich nach Hause zu nehmen und dann bei einem betreuten Wohnen unterzubringen. Erst da stellt sich heraus, dass Judith gehörlos ist und sie deshalb nie zu sprechen gelernt hat., Joyce möchte, dass Judith eine Aufgabe hat, sie mehr gefordert wird und ihr Tag damit auch eine sinnvollere Struktur bekommt. Sie hört von dem "Creative Growth Center", wo Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit gegeben wird, sich frei durch Kunst auszudrücken. Judith erfindet dort ihre ganz eigene Kunstform, in der sie Gegenstände mit Fäden umwickelt und damit zu einer gefeierten "Art brut"-Künstlerin wird. 

Joyce Scottt schildert in dem Roman ihr Schicksal von zwei entzweiten Zwillingsschwestern und wie Judith so sträflich vernachlässigt worden ist, ihr in jungen Jahren jede Möglichkeit einer Weiterentwicklung durch individuelle Förderung genommen wurde. 35 Jahre musste sie ohne Therapie in Einrichtungen für Behinderte verbringen, bis sie die Chance bekam, ihre Gefühle durch Gestalten zum Ausdruck zu bringen. 

Traurig und erschreckend ist zu lesen, wie noch vor wenigen Jahren in Amerika mit behinderten Menschen umgegangen wurde, sie letztlich regelrecht als abseits der Norm eingestuft weggesperrt worden sind. Genauso berührend ist aber auch Joyces Schicksal, die ohne ihre Schwester stets eine innere Leere verspürt hat, die sie weder durch Heiraten noch durch ihr soziales Engagement für Menschen mit Behinderungen füllen konnte. 

"Unzertrennlich" ist ein Roman über das unzertrennliche Band zweier Zwillingsschwestern, der unaufhörlichen , bedingungslosen Liebe zueinander und der Beweis, dass jedes Leben lebenswert ist und jeder Mensch - auch diejenigen, die mehr Unterstützung benötigen - einen Platz in der Gesellschaft haben. 

Judith Scott konnte letztlich mit der von ihr kreierten Faserkunst eine Stimme finden, die auch von Kunstsammlerin gehört wurde. Ihr Kunstwerke sind auch zwölf Jahre nach ihrem Tod in Sammlungen vieler Museen ausgestellt. 



Freitag, 20. Oktober 2017

Buchrezension: Lindsey Lee Johnson - Der gefährlichste Ort der Welt

Lindsey Lee Johnson

Der gefährlichste Ort der Welt


Inhalt: 

Als Tristan Bloch eines Morgens auf sein Fahrrad steigt und losradelt, auf die Golden Gate Bridge zu, den heißen, schweißnassen Kopf gesenkt, da ahnen wir schon, dass ihn der Verrat seiner Angebeteten, Calista, vernichtet hat. Sein Liebesbrief wurde auf Facebook gepostet, und das war ihre Schuld.

Fünf Jahre später: Kurz nach dem dramatischen Ende einer Abschlussparty betrachtet Calista, Tristans erste und letzte große Liebe, in dem Versuch, die Ereignisse zu begreifen, ein altes Klassenfoto – Tristan, lachend, in seinen unmöglichen grellgelben Trainingshosen, der sanfte Dave Chu, der durchtriebene Ryan Harbinger, Baseball-Captain und Schwarm aller Mädchen, Abigail Cress, damals noch Calistas beste Freundin, die später mit einem Lehrer anbandelte, und all die anderen, die mit dem Leben und der Liebe gespielt hatten. Ihre fröhlichen Gesichter täuschen. »Sie taten, was sie konnten, um zu überleben.«

Für einen von ihnen war Mill Valley, das verträumte reiche Städtchen über der Bucht von San Francisco, ein vermeintliches Paradies, zur Hölle geworden. Und sie, die zurückblieben, waren vom Leben gezeichnet, noch bevor es richtig begonnen hatte.


Rezension:

Im Prolog beschreibt der Schüler der achten Klasse, Tristan Bloch, sein Mill Valley für ein Geschichtsprojekt. Im nächsten Kapitel ist Tristan tot. 
Nachdem sein Liebesbrief, den er seiner Mitschülerin Calista mutig zugesteckt hatte, auf Facebook veröffentlicht wurde, stürzte sich Tristan von der Golden Gate Bridge. 

Im zweiten und dritten Teil des Romans werden Schüler der staatlichen Mittelschule in Mill Valley, die eine (Teil-)schuld an dem tragischen Suizid haben, drei bis fünf Jahre später jeweils für in Kapitel in den Fokus gerückt- 
Abigail Cress, die ehemalige beste Freundin von Calista, beginnt eine Affäre mit ihrem SAT-Lehrer, der hochbegabte Nick nutzt seine Fähigkeiten um gegen Bezahlung Referate für seine Mitschüler zu schreiben oder mit gefälschten Schülerausweisen Abschlussarbeiten abzulegen. Elisabeth ist die schöne, aber schüchterne und deshalb zu unrecht als arrogant eingeschätzte Mädchen, das im Haus ihrer Mutter eine Party gibt, die aus dem Ruder läuft, woran mitunter dieselben Teenager Ryan und Damon Schuld tragen, die Tristans Liebesbrief auf Facebook ins Lächerliche gezogen hatten. 

Mill Valley ist eine Kleinstadt in Kalifornien in der Nähe von San Francisco, die vom gut situierten weißen Mittelstand geprägt ist. So handelt es sich bei den Teenagern um verwöhnte, von den Eltern wohl behütete Kinder, die gemeinsam die Highschool besuchen, die zum "gefährlichsten Ort der Welt" wird. 
Kinder können grausam sein und so setzen sich in diesem Milieu die durchsetzungsfähigsten, selbstbewussten, einflussreichen und schönen Schüler gegen die schwächeren Außenseiter bei dem Wettbewerb um Ansehen und Macht durch. 

Auch wenn die Autorin jedes Kapitel einem/r anderen Schüler/in widmet, ist der Roman keine Sammlung von Kurzgeschichten, da die Protagonisten in der chronologischen Abfolge wiederkehren, sich aber die Perspektive ändert und die einzelnen Kapitel geschickt miteinander verknüpft sind. 
Jeder Teenager stellt dabei einen (Stereo-)typ dar, mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften und einem mehr oder minder großen Anteil am Tod von Tristan - sei es durch Unterlassen, fahrlässiges Handeln oder aktives Zutun. 

Anders als in anderen Büchern ist die Katastrophe der Ausgangspunkt des Romans und nicht das Ende. Das Cyber-Mobbing an Tristan hat nicht nur Auswirkungen auf sein persönliches Schicksal, sondern auch noch Jahre später auf die Leben der involvierten Mitschüler. Vor allem Calista quält sich lange mit einem denkbar schlechten Gewissen. 

Es ist ein moderner Roman, der einen ungewöhnlichen und spannenden Aufbau hat und der sich mit den aktuellen Problemen unsere Gesellschaft bzw. der jüngeren Generation, wie unbedachter Umgang mit Social Media, Mobbing, Alkohol, Drogen und der Oberflächlichkeit von Jugendlichen befasst, die jeden ausgrenzen, der ihren Vorstellungen nicht genügt oder der aus purer Langweile zum Opfer erhoben wird und in Misskredit gerät. 
Dabei verzichtet die Autorin auf plumpe Kritik, Schuldzuweisungen oder Verurteilungen, sondern beschreibt dies unterschwellig anhand der Biographien der einzelnen Protagonisten, die bei näherer Betrachtung oft anders sind, als sie zunächst den Anschein haben. 

"Der gefährlichste Ort der Welt" ist ein tiefgründiges Teenager-Drama, das aber keinesfalls nur für junge Erwachsen lesenswert ist. 



Donnerstag, 19. Oktober 2017

Produkttest: Brother Beschriftungsgerät PT-D200BW

Brother
Beschriftungsgerät
PT-D200BW

Als eine von 500 Konsumgöttinnen teste ich eines der Beschriftungsgeräte von Brother. Zehn Geräte standen zur Wahl und mein Los viel auf das Modell PT-D200BW.



Produktbeschreibung:

Das in elegantem schwarz gehaltene P-touch D200BW ist ein kompaktes Beschriftungsgerät für den Schreibtisch, welches aber auch problemlos mobil verwendet werden kann. Mit diesem Gerät fällt es leicht, Übersicht und Ordnung zu schaffen. Neben verschiedenen Schriftstilen, Rahmen und Symbolen bieten mehrere feste oder bearbeitbare Vorlagen dem Anwender weitere Layoutalternativen.



So ein Beschriftungsgerät ist nicht nur praktisch, um professionelle Etiketten, Ordner, Notizbücher, CD-Hüllen oder Ablageregister sauber zu beschriften, sondern mit dem Deko-Modus auch noch geeignet, hübsche Etiketten zu gestalten. Passend zum DIY-Trend lassen sich damit Einmachgläser, Flaschen oder Vorratsdosen beschriften und bringen Ordnung in Haushalt und Büro.
Merkmale:
  • Schnell zur Hand, wenn es um die Beschriftung professioneller Etiketten geht
  • Mit Deco-Modus (12 verschiedene Designs) und grafischem Display zur Layout-Vorschau
  • Hinterbanddruck für laminierte, d.h. wisch-, wetter- und kratzfeste Etiketten
  • Für 3,5/6/9/12 mm breite Schriftbänder
  • 20 mm/Sek. max. Druckgeschwindigkeit
  • 14 Schriftarten und 617 Symbole
  • Vorlagen für Namensschilder
  • Deko-Modus
Produkttest:

Im Lieferumfang sind weder Batterien, noch Netzteil vorhanden, weshalb man das Gerät vor den ersten Druckversuchen erst mit sechs Micro-Batterien Akkus bestücken muss. Anschließend legt man die Kassette mit dem beiliegenden Beschriftungsband ein und schon kann es losgehen. 

Einfache Beschriftungen im Standardmodus sind selbsterklärend, für weitere Optionen genügt ein kurzer Blick in die kompakte Bedienungsanleitung. 
Es stehen insgesamt 825 Zeichen, 617 Symbole, 97 Rahmen, 9 Schriftstile und 3 Schriftgrößen zur Verfügung, weshalb man seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Das Band kann sowohl ein- als auch zweizeilig und vertikal beschriftet werden. 
Mit der manuellen Abschneidevorrichtung lassen sich die fertig beschrifteten Streifen sauber abtrennen auf alle glatten Oberflächen kleben. 






In allen Ablagesystemen - sei es am Schreibtisch oder in der Abstellkammer bzw. in der Küche für Vorratsbehältnisse, Einmachgläser, Gewürze - überall kann man mit dem Beschriftungsgerät für Ordnung sorgen. Neben Etiketten gibt es auch die Funktion, Namensschilder zu erstellen. 

Durch die vielen verschiedenen Symbole oder Rahmen kann man Brother P Touch aber auch zu Dekozwecken verwenden. Dafür eignen sich dann auch die verschieden farbigen Bänder, die man als Zubehör erwerben kann. So kann man auch Geschenke, Tischkärtchen, Postkarten etc. mit Hilfe des Beschriftungsgeräts selbst erstellen bzw. basteln. 

Ich finde dieses mobile Gerät richtig praktisch, da ich Etiketten bisher nur von Hand beschriftet habe. Mit einem Drucker war es mir immer zu zeitaufwändig und/ oder zu kompliziert passende Etiketten einzulegen und passgenau zu bedrucken. Mit den Beschriftungsgeräten von Brother gelingt dies ganz einfach. 

Das Beschriftungsgerät PT-D200BW von Brother ist für 39,90 € im Handel erhältlich. Einzelne Schriftband-Kassetten können ab 5,49 € erworben werden. 

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Buchrezension: Fiona Limar - Ohne Erbarmen (Iris-Forster-Krimis, Band 4)

Fiona Limar

Ohne Erbarmen

(Iris-Forster-Krimis, Band 4)


Inhalt:

Was geschah wirklich in der "Todesklinik"? Diese Frage stellt sich, als ehemalige Patienten unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen. In der psychiatrischen Einrichtung sollten verhaltensauffällige Jugendliche therapiert werden, doch das Projekt endete tragisch. Keiner der damals daran beteiligten Ärzte zeigt sich besonders auskunftsbereit. Als eine ihrer Patientinnen, die als Kind ebenfalls in dieser Klinik weilte, angeblich Selbstmord begeht, beginnt die Psychologin Iris Forster genauer nachzuforschen und deckt dabei Ungeheuerliches auf. Dadurch ruft sie gefährliche Gegner auf den Plan, die genau das verhindern wollen.

Rezension: 

Iris Forster ist eine Psychologin/ Psychotherapeutin, die zusammen mit ihrer Freundin Ruth in einer Gemeinschaftspraxis in Berlin arbeitet. Als eine ihrer jungen Patientinnen vom Balkon im neunten Stock ihrer Wohnung stürzt, deuten alle Anzeichen auf einen Selbstmord hin, weshalb sich Iris Vorwürfe macht, dass sie etwaige Anzeichen für einen Suizid übersehen haben könnte. 

Parallel dazu wird in einem Wald eine Frauenleiche gefunden und aufgrund einer erdrückenden Indizienkette die psychisch instabile und gewaltbereite Kim Lambert festgenommen, die den Tatvorwurf vehement bestreitet. Sie wollte sich zwar mit Nora treffen, diese sei jedoch zum vereinbarten Zeitpunkt nicht erschienen. Stattdessen habe sie eine Anhalterin mitgenommen, die dann im Wald verschwunden wäre. 

Als Iris von einem Freund von Kim kontaktiert wird, der von ihrer Unschuld überzeugt ist, sich von der Polizei aber keine Hilfe erhofft, befasst sich Iris mit den Lebensläufen der beiden Toten und der Tatverdächtigen und findet heraus, dass alle drei als Kinder zeitgleich in einer psychotherapeutischen Einrichtung, dem "Sonnengarten", untergebracht waren. Vor dreizehn Jahren kam es dort zu einem verheerenden Brand mit zwei Toten, der von einem Mitpatienten verursacht worden war. Der verurteilte Täter wurde vor Kurzem aus der Haft entlassen. 

Mit Einverständnis der Polizei führt Iris Gespräche mit der in Untersuchungshaft sitzenden Kim, um mehr über die vergangenen Ereignisse in der "Todesklinik" zu erfahren. Iris ist überzeugt davon, dass in der Vergangenheit der Schlüssel für die Aufklärung der aktuellen Todesfälle liegt. 

"Ohne Erbarmen" ist Band 4 der Krimireihe um die Psychologin Iris Forster und der erste Roman der Autorin, den ich gelesen habe. Für das Verständnis des Falles und der handelnden Akteure ist es nicht nötig, die vorangegangenen Bände gelesen zu haben. 
Iris Forster ist eine sympathische und engagierte Psychologin aus Berufung. Ihr Gespür ist es, das die Polizei auf die richtige Fährte führt, die sich bisher nur an die reinen Fakten und die scheinbar unmissverständlichen Indizien gehalten hat. 

Auch wenn der Krimi aus verschiedenen Erzählsträngen besteht, wirken dies keinesfalls verwirrend. Die Geschichte ist schlüssig erzählt und lange ist man als Leser im Unklaren, in welchem Zusammenhang Vergangenheit und Gegenwart stehen und welches Motiv hinter den aktuellen Mordfällen steckt. Besonders raffiniert wird der Leser wie auch die Polizei zunächst auf eine falsche Fährte gelenkt, bis die Todesfälle der beiden Frauen aufgeklärt werden können und damit auch die Vorgänge in der Kinderklinik ans Licht kommen, die unbedingt vertuscht werden sollten. 

"Ohne Erbarmen" ist ein spannender Kriminalroman mit einer Psychologin als der eigentlichen Heldin. Auch wenn Iris Forster als Protagonistin sympathisch und glaubwürdig ist, stört es mich bei Krimis dieser Art immer ein wenig, dass eine Privatperson aus persönlichem Engagement ermittelt und die Polizei in den Schatten stellt. 
Dennoch macht der Roman neugierig, auf die bisher erschienenen Romane um Iris Forster. 



Montag, 16. Oktober 2017

Buchrezension: Luke Delaney - Sie zu strafen und zu richten

Luke Delaney

Sie zu strafen und zu richten


Inhalt:

Im Internet tauchen Videos von entführten Menschen auf. Aber sie sind nicht nur Opfer: Alle haben Dreck am Stecken. Ein Rächer wird sie öffentlich richten, das Strafmaß jedoch legen die Zuschauer fest. Ein Klick nur reicht aus, um über Leben und Tod zu entscheiden. DI Sean Corrigan steht unter großem Druck, er muss den Fall schnell lösen. Denn der Rächer wird immer populärer – und Corrigan erkennt, dass er nicht nur einen gefährlichen, sondern auch einen sehr intelligenten Gegner jagt. 

Rezension:

Ein Täter entführt reiche Londoner und legt ihr Schicksal in die Hände der Öffentlichkeit. Im Internet sollen die Menschen darüber abstimmen, ob das Opfer sein Recht auf Leben verwirkt hat. 
Der maskierte Täter berichtet während der Video-Liveübertragung von den Verbrechen, die seine Entführungsopfer aus Habgier begangen haben und bereits der erste Banker wird von der Jury zum Tode verurteilt. Der unbekannte Täter, der sich als "Jackdaw" ("Dohle") bezeichnet, ist der Richter und Henker. 
Die Massen stellen sich auch mit Hilfe des manipulativen Reporters Jackson der Zeitung "World", der unbedingt ein Interview mit dem Mörder führen will, hinter den "Racheengel". Es folgen weitere Opfer aus dem Bankensektor der City of London, wobei die Entführten scheinbar willkürlich ausgewählt werden.

Detective Inspector Corrigan der Sondereinheit von Scotland Yard, der sich in die Köpfer von Verbrechern hineindenken kann, wird der leitende Ermittler in dem Fall. Je länger die Ermittlungen dauern, desto mehr Angst entsteht unter den hochrangigen Bankangestellten, die sich zunehmend krank melden. Der Schaden für die Wirtschaft geht in die Millionen, weshalb der Druck auf das Team von DI Corrigan steigt und sich sogar der Minister einschaltet. 

"Sie zu strafen und zu richten" ist der vierte Band der Krimiserie um Detective Inspector Sean Corrigan und der erste Thriller, den ich von Luke Delaney gelesen habe. Anders als bei anderen Krimireihen, bei denen mir auch ohne die Vorgängerromane gelesen zu haben, der Einstieg gut gelungen ist, fehlte mir hier für das Verständnis der Ermittlungen der Hintergrund zu Sean Corrigan und seinen Kollegen aus den drei vorherigen Romanen, da insbesondere die Persönlichkeit von Corrigan, seine traumatischen (?) Erfahrungen in seiner Kindheit für die Art seiner Ermittlungen eine große, wenn nicht sogar DIE Rolle spielen. 

Der Autor nutzt viele Andeutungen auf vergangene Fälle und den Hintergrund der etwas eigentümlichen Persönlichkeit Corrigans, um die Aufklärung des Falls um den "Jackdaw" voranzutreiben. Ich musste mir diese Hinweise zwischen den Zeilen zusammenreimen und konnte weder für Corrigan noch sein Team wie die Psychologin Anna, Kollegin Sally oder gar den misstrauischen Vorgesetzten Addis Sympathien entwickeln. 
Darüber hinaus blieb der Plot um den "Robin Hood", der die vom Bankenkollaps geknechteten Armen rächen und Vergeltung gegenüber den reichen, gierigen Bankern üben möchte, etwas dünn. Am Ende war nicht ganz klar, warum der "Jackdaw" für seine Tat, die letztlich persönlich motiviert war, die breite Öffentlichkeit gebraucht hat, auch wenn ich die Idee für eine Jury, die über Leben und Tod entscheidet, interessant fand und viel Potenzial für einen wirklich spannenden Thriller gegeben hätte. 

Der etwas zähe Handlungsverlauf um die Aufklärung des Falls und der psychisch selbst angeknackste Protagonist konnten mich am Ende nicht davon überzeugen, weitere Bände um DI Corrigan und seine instinktive Verbrechensbekämpfung zu lesen. 



Samstag, 14. Oktober 2017

Buchrezension: Hanna Linzee - Für immer auf den ersten Blick

Hanna Linzee

Für immer auf den ersten Blick


Inhalt:

Als Anna sieben ist, macht sich ihre Gabe zum ersten Mal bemerkbar. Sie kann sehen, welche Menschen zusammengehören. Um möglichst viele Herzen zu vereinen, gründet sie in Berlin eine Schicksalsagentur. Manchmal dauert es, bis sich der Richtige zeigt, doch bisher konnte sie jeden Klienten zu seinem Glück führen. Anna selbst ist fünf Jahre nach ihrer gescheiterten Beziehung mit Gregor einsamer denn je. Denn ausgerechnet bei ihr versagt die Gabe. Doch eines Tages stolpert sie einem ehemals sehr guten Freund in die Arme. Ein Wink des Schicksals?

Rezension: 

Anna ist Mitte 30, Single und lebt in Berlin. Von ihrem Großvater hat sie eine besondere Gabe geerbt: Sie kann erkennen, welche Personen für einander geschaffen sind. Ihre Fähigkeit nutzt sie beruflich und sucht als Inhaberin der von ihr gegründeten Schicksalsagentur für ihre Auftraggeber die einzige wahre Liebe.

Nachdem sie schon so vielen Paaren zu ihrem Liebesglück verholfen hat, wirkt die Gabe bei ihr selbst nicht und so bleibt sie lieber allein, bevor sie wieder an den Falschen gerät und enttäuscht wird. 
Kurz vor Weihnachten kommt ihr ehemaliger bester Freund Benedikt aus ihrer Kindheit und Jugend zwischen zwei Aufträgen als Reisebuchautor nach Hause zu seinen Eltern nach Berlin. Unweigerlich begegnen sich Anna und Beno wieder, die ihren Streit von damals beilegen und schon bald wieder so vertraut miteinander umgehen wie vor zwanzig Jahren. 

Benjo möchte sich beruflich weiterentwickeln und Schriftsteller werden. Mit Hilfe von Annas Erzählungen über die Schicksale ihrer Klienten möchte Benjo Ideen für seinen Liebesroman finden und so zieht sie kurzerhand in das kleine Cottage, das er am Rande von Berlin von einem Freund nutzen darf. In der winterlich-romantischen Atmosphäre bei knisterndem Kaminfeuer kommen sich die beiden näher, doch zweifelt Anna daran, dass Benjo der für sie bestimmte Seelenverwandte ist, da die Zeichen etwas anderes deuten... 

"Für immer aut den ersten Blick" ist ein romantischer Winterroman, der sich der Stimmung nach als ideal Lektüre für die Vorweihnachtszeit eignet. Zu Beginn des Romans ist Anna in sich gekehrt und trotz dem Glück, das sie anderen bringt, unzufrieden mit ihrem eigenen Leben, auch wenn sie sich das nicht offen eingesteht. Es hat den Anschein, als brauche sie eine Pause vom Liebesglück der anderen und der Schicksalsagentur. Sie hadert mit ihrer Gabe und sieht sie zunehmend als Bürde statt als Geschenk
Da trifft es sich gut, dass die Feiertage anstehen und dass sie sich nach all den Jahren des Kontaktabbruchs mit ihrem besten Freund versöhnt. 
Der Roman handelt dann auch weniger von Anna als Amor als vielmehr darum, wie sie mit Hilfe von drei älteren Damen und Benjo ihr Schicksal in die Hand nimmt und sich nicht mehr darauf verlässt, dass ihr der richtige Mann schon noch begegnen wird. 

Der Roman ist ein wenig kitschig geschrieben, wobei mich mit der Zeit die wiederholten Beschreibungen der ausdrucksstarken Augen von jedweden Protagonisten oder die übertrieben emotionalen Reaktionen von Anna gestört haben. Darüber hinaus ist nicht nur das Ende vorhersehbar, sondern der Roman auch etwas schablonenartig nach Schema F eines mustergültigen Liebesromans geschrieben: Eine junge Frau, enttäuscht von ihren bisherigen Liebesbeziehungen begegnet ihrem Jugendfreund wieder, der sich als ihre wahre Liebe entpuppt. Es kommt zu einer Annäherung, die zu Verunsicherung auf beiden Seiten führt, dann folgt ein Missverständnis, das die beiden fast wieder entzweit, bevor es zum ersehnten Happy End kommt. 

Mir hat die Grundidee des Romans mit der magischen Gabe von Anna gut gefallen, die aber leider in der Geschichte sehr kurz kam. Auch die Liebesgeschichten ihrer zum Teil unfreiwilligen Klienten - der abrupte Wechsel vom gegenwärtigen Partner zum  vermeintlichen Seelenverwandten - waren stark vereinfacht dargestellt. 

Nichtsdestotrotz ist "Für immer auf den ersten Blick" ein kurzweiliger Liebesroman, der jedoch nicht ganz so einfallsreich, kreativ und zauberhaft umgesetzt wurde, wie es beim Lesen des Klappentextes den Anschein hatte. 



Freitag, 13. Oktober 2017

Buchrezension: Jeannette Walls - Schloss aus Glas

Jeannette Walls
Schloss aus Glas


Inhalt:

Jeannette Walls ist ein glückliches Kind: Ihr Vater geht mit ihr auf Dämonenjagd, holt ihr die Sterne vom Himmel und verspricht ihr ein Schloss aus Glas. Was macht es da schon, mit leerem Bauch ins Bett zu gehen oder in Nacht-und-Nebel-Aktionen den Wohnort zu wechseln. Doch irgendwann ist das Bett ein Pappkarton auf der Straße, und eine Adresse gibt es schon lange nicht mehr.

Jeannette Walls berichtet ohne Larmoyanz von ihrer ungewöhnlichen Kindheit in einer Familie, die man sich verrückter nicht vorstellen kann.


Rezension:

"Schloss aus Glas" ist der autobiografische Roman von Jeannette Walls, die das Leben in ihrer Familie ab ihrem dritten Lebensjahr bis Anfang 20 schildert. In sehr lebhaften Beschreibungen erzählt sie zunächst aus der Sicht eines unbedarften Kindes vom Aufwachsen mit ihren drei Geschwistern und dem nomadenartigen Leben mit ihren Eltern. 

Vater Rex Walls ist ein Traumtänzer, ein Alkoholiker, der seinen Kindern und insbesondere seinem Liebling Jeannette die schönsten Luftschlösser baut, aufgrund seiner laufenden Arbeitsplatzverluste aber nicht einmal für eine Grundversorgung seiner Familie aufkommen kann. Mutter Rose Mary ist ausgebildete Lehrerin, träumt jedoch von ihrem Durchbruch als Künstlerin und findet auch aufgrund ihres antiautoritären Erziehungsstils keine dauerhafte Anstellung. 

Die Familie lebt von der Hand in den Mund und kann aufgrund der ansteigenden Schulden, ihrer kleinkriminellen Aktivitäten und der Rastlosigkeit des Vaters nie lange an einem Ort bleiben. Die Geschwister sind weitgehend sich selbst überlassen, schlafen in Kartons und ernähren sich von dem, was gerade da ist. Im besten Fall stehlen sie die Inhalte der Brotboxen ihrer Mitschüler oder verzehren gar die letzten Reste Margarine, die sie im Kühlschrank finden, mit Zucker. Im schlimmsten Fall wühlen sie sich durch Abfallcontainer. 

Als kleines Mädchen verehrt Jeannette ihren Vater, der ihr zu Weihnachten statt Geschenken die Sterne vom Himmel holt. Je älter die Kinder werden, beginn Jeannette und vor allem auch ihre ältere Schwester Lori zu reflektieren, was ihre Eltern ihnen mit ihrer Hippie-Mentalität, ihrer zwanghaften Unangepasstheit und dem vollkommenen Verzicht auf Sozialleistungen des Staates ihnen antun. Jeannettes sehnlichster Wunsch wird es sein, dass ihr Vater aufhört zu trinken. 
Mit unwahrscheinlicher Empathie und Einfallsreichtum schaffen es die Eltern aber immer wieder, die Kinder auf ihre Seite zu ziehen, und aus dem Außenseitertum und dem Mangel - nicht nur an Komfort, sondern an lebensnotwendigen, für andere selbstverständlichen Dingen - etwas Positives abzugewinnen. 

Wenn man die Erinnerungen von Jeannette Walls liest, ist man regelrecht schockiert, dass sich diese Kindheit wirklich so zugetragen haben soll. Die Autorin schafft es jedoch, die unfassbaren Erlebnisse mit ihrer Familie schon fast nüchtern und objektiv darzustellen, dass sie richtig unter die Haut gehen. 
Der Roman ist keine Anklage oder Abrechnung mit den Eltern, sondern ein tragikomischer Tatsachenbericht und ein regelrechter Pageturner, da man mit neugieriger Faszination weiterlesen muss, was Vater oder Mutter als nächstes einfallen wird und wie sich die Lage der Familie weiter zuspitzt. 

"Schloss aus Glas" ist ein Roman über eine außergewöhnliche Kindheit und über eine ganz andere, liebevolle Art der Vernachlässigung von Kindern. 

Die Verfilmung des Weltbestsellers ist seit 21. September 2017 in den deutschen Kinos.