Donnerstag, 17. August 2017

Buchrezension: Anna Gavalda - Ab morgen wird alles anders

Anna Gavalda

Ab morgen wird alles anders


Inhalt:

Mathilde, 24, verliert ihre Handtasche, nachdem sie in einem Café in Paris einen Drink zu viel hatte. Darin steckt eine Menge Geld, das ihr nicht gehört. Yann, 26, fühlt sich in einem langweiligen Beruf und in einer spießigen Beziehung gefangen. Die eine sucht nach dem richtigen Mann, der andere hat den verkehrten Job, der dritte trauert um sein Kind, bei keinem läuft es richtig rund. Aber: „Ab morgen wird alles anders“. Das ist das Motto von Anna Gavaldas neuen Geschichten. In ihnen erzählt die Bestsellerautorin aus Frankreich mit Witz und Leichtigkeit von der unzerstörbaren Hoffnung der Menschen und der altmodischen Macht der Liebe in unseren modernen Zeiten.


Rezension:

"Ab morgen wird alles anders" ist ein Band aus fünf Kurzgeschichten von Anna Gavalda, wobei die beiden Erzählungen "Mathilde" und "Yann" aufgrund ihrer Länge herausragen, meiner Meinung aber nicht die zwei besten sind. 

"Mein Hund wird sterben" (28 Seiten) ist eine sehr traurige Geschichte, die von einem Lkw-Fahrer handelt, der nach dem Tod seines Sohnes Ludovic Trost mit einem Hund findet, den er von der Straße aufnimmt. Mit ihm zusammen ist er auf seinen Touren unterwegs bis er eingeschläfert werden muss. Nach dem Verlust kommt Jeannot jedoch seiner Frau wieder näher.  

"Mathilde" (105 Seiten) handelt von der gleichnamigen jungen Frau, die in einem Café in Paris ihre Handtasche stehen lässt, in der 10.000 € enthalten sind, die sie zur Begleichung von Handwerkerkosten in ihrer WG von den Mitbewohnern gesammelt hat. Sie hat Glück als der Finder/ Dieb (?) ihr nach vier Tagen die Handtasche mit dem gesamten Inhalt wiedergibt. Der junge Mann ist etwas seltsam. Nach dem Treffen ist Mathilde allerdings neugierig auf Jean-Baptiste, von dem sie nur weiß, dass er Koch ist und den sie aber nicht mehr erreichen kann, da sie sich seine Telefonnummer im Halbschlaf falsch notiert hatte. Sie macht sich auf die Suche nach ihm und klappert so ziemlich jedes Restaurant und Hotel der Stadt nach ihm ab. 

In  "Meine Kraftpunkte" (28 Seiten) wird ein Vater von der Direktorin seines Sohnes in die Schule zitiert, als dieser einem Mitschüler den Reifen seines Rollstuhls mit einem Zirkel zerstochen hat. 

"Yann" (98 Seiten) handelt von einem 26-jährigen Studenten, der mit seiner Freundin zusammenwohnt und an einem Abend, als er eigentlich ins Kino wollte, seinen Nachbarn zwei Stockwerke über ihm hilft, eine Kommode hochzutragen. So lernt er die Familie kennen, die ihm bisher nur flüchtig im Hausflur aufgefallen waren. Nach dem Abend, an welchem er mit Nachbarn ein sehr intensives Gespräch bei zwei Flachen Rotwein geführt hat, überdenkt er sein Leben und trennt sich von seine Freundin, für die er dann nur noch Aggressionen übrig hat. 

"Minnesang" (27 Seiten) dreht sich um die Zoohandelsangestellte Lulu, die sich bisher nur mit One-Night-Stands vergnügt hat. Auf einer Party lernt sie einen jungen Dichter kennen, der ihr romantische Zeilen aufsagt und sie damit durch die Nacht bringt. 

Bis auf "Meine Kraftpunkte" handeln alle Kurzgeschichten von mehr oder minder unglücklichen, gescheiterten Existenzen, die am Schluss ihr Leben ändern oder zumindest zu einem Umdenken angeregt werden. 
Es werden fünf ganz unterschiedliche Menschen in alltäglichen Situationen beschrieben, die unbewusst vor einer Veränderung stehen und auf der Suche nach ihrem persönlichen Glück sind. 
Die Enden sind jeweils offen, so dass man als Leser nicht weiß, ob es für die Protagonisten ein Happy End gibt. Zumindest besteht Hoffnung: "Ab morgen wird alles anders". 

Am besten gefallen hat mir "Meine Kraftpunkte", in welchem der Vater pragmatisch seinen analytischen Verstand einsetzt und dadurch beweist, dass das Leben nicht Schwarz-Weiß ist und es stets zwei Seiten einer Medaille zu betrachten gilt - eine sehr ehrliche, lehrreiche Kurzgeschichte, die zum Nachdenken anregt. 

Auch "Mein Hund muss sterben" fand ich eine lesenswerte Erzählung, auch wenn sie fast schon deprimierend war. Am Ende gab es jedoch den Hoffnungsschimmer auf ein glücklicheres Leben.
Das Schicksal von Jeannot mit all seinen Verlusten im Leben hätte ich mir auch als Langfassung in Form eines Romans vorstellen können. So wirkte die Kurzgeschichte eher wie ein letztes Kapitel auf mich. 

Den drei anderen Kurzgeschichten konnte ich nicht viel abgewinnen. "Mathilde" und ihre Suche nach dem Koch war mir zu eintönig und zu stark in die Länge gezogen, Yanns radikale Änderung seines Lebens aufgrund eines einzigen Abends mit einem ihm bisher fremden Nachbarn nicht nachvollziehbar und "Minnesang" zu nichtssagend,.
Auch wenn es sich bei "Mathilde" und "Yann" um die beiden mit Abstand längsten Erzählungen handelte, blieb mit der Hintergrund der Protagonisten zu wage, um ihre Gedankengänge wirklich nachvollziehen zu können. 

Den Schreibstil von Anna Gavalda empfand ich zudem in den drei Kurzgeschichten aufgrund der zum Teil sehr langen, verschachtelten Sätze und der enthaltenen Poesie als anstrengend zu lesen. 
Insgesamt konnte mich der Erzählband insofern weder sprachlich noch inhaltlich von sich überzeugen. 

Mittwoch, 16. August 2017

Buchrezension: Rowan Coleman - Im siebten Sommer

Rowan Coleman

Im siebten Sommer


Inhalt: 

Eines Tages beschließt Rose, dass das Leben zu kurz ist, um in einer unglücklichen Ehe zu leben. Sie schnappt sich ihre Tochter und fährt in das idyllische Millthwaite. Dort sucht sie Frasier, einen attraktiven Kunsthändler, in den sie sich vor sieben Jahren unsterblich verliebte. Sie sah ihn nie wieder – und alles, was sie von ihm besitzt, ist eine Postkarte aus diesem Ort. Schnell stellt sich heraus, dass Frasier hier nicht mehr wohnt. Auf der Suche nach ihrer großen Liebe trifft Rose jedoch auf einen anderen Mann, der eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen wird. Und Rose begreift: Es ist nie zu spät, um glücklich zu sein.

Rezension:

Die 31-jährige Rose Pritchard hat sich lange genug von ihrem besitzergreifenden und cholerischen Ehemann unterdrücken lassen. Als er eines abends eine Grenze überschreitet, nimmt Rose die dafür schon lange gepackte Tasche und flieht mit ihrer Tochter Maddie in das Dorf Millthwaite, das sie nur von einer Postkarte kennt, die ihr das ganze Eheleben ein Zeichen von Hoffnung war und ihr die Möglichkeit gegeben hat, von einem anderen Leben zu träumen. 
Die Karte hat sie von dem Kunsthändler Frasier McCleod bekommen, der sie vor sieben Jahre auf der Suche nach ihrem Vater, dem Maler John Jacobs, aufgesucht hat. Damals hatte sie sich auf den ersten Blick in den attraktiven Mann verliebt, der ihr mit so viel Freundlichkeit begegnet war, die sie bisher nicht kannte, und hofft nun, dass er in Millthwaite wohnt. 

Rose und Maddie kommen in dem Bed & Breakfast der geschwätzigen Jenny unter, von der sie erfahren, dass Roses Vater in Millthwaite zurückgezogen in einem Cottage wohnt und Frasier sein Agent ist, der aus dem mittellosen, alkoholkranken Maler einen international anerkannten Künstler gemacht hat. 
John hatte seine depressive Ehefrau und seine Tochter verlassen, als Rose neun Jahre alt war. Sie war sodann allein verantwortlich für ihre Mutter, die sich Jahre später im Meer ertränkt hat. Rose wollte ihren Vater nie wiedersehen und doch sucht sie nun nach Erklärungen, warum er damals gegangen ist und sich nie wieder bei ihr gemeldet hat. 

"Im siebten Sommer" ist ein Roman über eine seelisch geschundene und körperlich missbrauchte Ehefrau, die eines Tages die Reißleine zieht und den Mut findet, ihr altes Leben zurückzulassen und den Versuch unternimmt, in einem Dorf, das sie nur von einer Postkarte kennt, ihre große Liebe - oder zumindest die Vorstellung davon - wiederzufinden und einen Neuanfang zu wagen. 

Der Roman handelt nicht nur von der Entdeckung der Liebe als vielmehr von der Wiederbegegnung mit dem verantwortungslosen Vater und der Verarbeitung des Traumas der verlassenen Tochter und der Bewältigung der Vergangenheit. Es ist auch die Abnabelung von einem Ehemann, den sie kurz nach dem Tod ihrer Mutter viel zu früh geheiratet hat und der ihr als gesellschaftlich anerkannter Hausarzt auch finanziell eine feste Basis gegeben hat. 

Es ist ein Roman, der sich ganz anders entwickelt, als ich zunächst aufgrund des Klappentextes erwartet habt und keine vorhersehbare Liebesgeschichte ist, sondern überraschenden Entwicklungen aufwarten kann. 
Interessant ist dabei auch die Rolle der Tochter Maddie, die zwar hochintelligent, aber zunächst sozial völlig inkompetent und ängstlich ist. Ich mochte ihr Wesen und ihre grundehrliche Art, die kein Blatt vor dem Mund nahm und in ihrer fast schon erwachsenen Art nie nervig oder altklug wirkte. Auch die Nebencharaktere waren sehr individuell, aber mit ihren Eigenarten sehr liebenswert und authentisch. 
Rose Empfindungen und Handlungen konnte ich sehr gut nachempfinden, weshalb es schön zu lesen war, wie sie und Maddie sich weiterentwickeln, an Selbstbewusstsein gewinnen und in dem verschlafenen Nest Millthwaite den Versuch wagen, ein neues Leben zu beginnen und zu ihrem Glück finden. 

 "Im siebten Sommer" ist ein gelungener, unterhaltsamer Roman mit liebenswerten Protagonisten, deren Entwicklung man gern miterlebt. Aufgrund des sehr lebendigen, kitschfreien Schreibstils kann ihn allen Fans von Jojo Moyes an Herz legen. Es wird sicher nicht das letzte Buch sein, das ich von Rowan Coleman gelesen habe. 

Montag, 14. August 2017

Buchrezension: Caroline Bongrand - Das, was sie Liebe nennen

Caroline Bongrand

Das, was sie Liebe nennen


Inhalt:

Paris. Sie lebt in einer unglücklichen Ehe, in der sie sich vernachlässigt und zurückgewiesen fühlt. Doch eine Scheidung kommt nicht infrage, sie möchte ihren Kindern nicht das Herz brechen. Und irgendwie schafft sie es immer wieder, sich einzureden, dass sie sie nicht braucht, die große Liebe. Bis sie ihm begegnet. Die beiden beschließen, eine rein platonische Liebe zueinander zu bewahren. Doch nach einem Sommer ohne Nachricht von ihm wird ihr klar, dass sie das nicht mehr ertragen kann. Ohne ihn zu sein, das ist Tortur. Gerade als sie alles hinter sich lassen will, trifft das Schicksal sie mit ungeahnter Wucht.

Rezension:

Die namenlose Sie ist Mitte 40 und zum zweiten Mal verheiratet. Sie lebt in einer Patchworkfamilie mit fünf Kindern und zusammen mit einem Ehemann, mit dem sie nicht mehr glücklich ist. 
Dann lernt sie einen verheirateten Mann kennen, von dem sie hin und weg ist. Er gibt ihr das Gefühl begehrt zu werden und wieder eine Frau zu sein. Sie treffen sich einige Male unverfänglich zum Mittagessen und - obwohl sie sich auch körperlich sehr stark voneinander angezogen fühlen - beschließen sie, dass sie nicht miteinander schlafen werden. Sie werden ihren jeweiligen Partner nicht verlassen und den Kindern nicht die Idylle einer Familie nehmen. 

Als Er mehrere Tage unterwegs ist und sich nicht bei Ihr melden kann, bricht sie fast zusammen vor Sehnsucht nach seinen liebevollen SMS und dann passiert auch noch ein Unglück... 

"Das, was sie Lieben nennen" ist ein Roman, den ich nur aufgrund des geringen Umfangs des Buches mit knapp 200 Seiten nicht zur Seite gelegt habe. 
Auch wenn der Roman vom Schreibstil gut war und sich trotz der sehr wenigen Dialoge recht kurzen episodenhaften Abschnitte flüssig lesen ließ, konnte ich mit Ihr nicht ansatzweise identifizieren. Eingangs hat man noch das Gefühl, dass sie mit ihrem zweiten Mann im Gegensatz zu ihrer ersten Ehe zufrieden ist, doch dann ist er nur noch derjenige, der nörgelt, sich über ihre Figur beschwert und dem sie sich nur im Dunkeln hingibt, um ihre ehelichen Pflichten zu erfüllen. Dann lernt sie einen Mann kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebt, der sie mit seinen schönen Worten betört. Sie treffen sich heimlich, schmachten sich an, schreiben sich vor von sehnsüchtiger Liebe triefende Kurznachrichten und leiden im Alltag unter der Leere, die sie verspüren. 
Sie kann nichts mehr essen, nimmt in kurzer Zeit über fünf Kilo ab, erleidet an ihrem Arbeitsplatz einen Schwächeanfall und leidet noch mehr, als sich Er nicht bei ihr melden kann. Noch schlimmer wird es, als er ihr ein Zeitfenster vorgibt, in welchem sie sich in einem Hotel treffen können, sie aber aufgrund eines Schulausflugs ihres jüngsten Sohnes nicht rechtzeitig dorthin gelangen kann. Panikartig versucht sie, Ersatz zu finden, Termine zu verschieben, kommt aber nicht auf die Idee, Ihm einfach Bescheid zu geben, dass sie in diesem Zeitraum einfach nicht abkömmlich ist. 

Möglicherweise bin ich zu nüchtern und zu wenig romantisch, aber das Verhalten von Ihr und Ihm - diese Selbstaufgabe in der Liebe, dieses teenagerhafte Verhalten, diese Unbeholfenheit sich selbst zu helfen oder einen gesunden Egoismus an den Tag zu legen und nach einer vernünftigen Lösung zu suchen, statt sich als leidender Märtyrer zu gefallen, hat mich an den Protagonisten massiv gestört und mir die Freude am Lesen vergällt. 

Samstag, 12. August 2017

Buchrezension: Margarita Kinstner - Mittelstadtrauschen

Margarita Kinstner

Mittelstadtrauschen



Inhalt: 

Wien, die "Stadt der Seele": Als Marie im Café stolpert und einen Kaffee umstößt, lernt sie nicht nur Jakob kennen, sondern setzt damit auch eine Reihe von Geschichten in Gang. Jakob verliebt sich in Marie und trennt sich von seiner Freundin Sonja, die bald darauf jemand anderen trifft: Gery. Er war der beste Freund von Joe – der früher mit Marie zusammen war und sich mit einem spektakulären Sprung in den Donaukanal das Leben genommen hat. Ein mysteriöses Testament taucht auf, das im Prater verlesen werden soll – in Anwesenheit von Gery und Marie. Eine Liebesgeschichte, märchenhaft und modern zugleich, ein Roman über Einsamkeit, Sehnsucht und Liebe.

Rezension: 

Der Roman beginnt mit einer Szene in einem Café in Wien, als Marie irritiert von einer stillenden Mutter eine Tasse Kaffee umstößt und dabei Jakob kennenlernt, der sich auf den ersten Blick in Marie verliebt. Jakob trennt sich daraufhin von seiner Freundin Sonja, die mit knapp 30 Jahren Torschlusspanik hat und nicht lange allein sein kann. So lernt diese bald Gery kennen, dessen bester Freund Joe sich bei einem Sprung von einer Brücke in die Donau vor Kurzem das Leben genommen hat. Joe ist wiederum der Exfreund von Marie, dessen Trennung sie nicht verwunden hatte. 


Im Verlauf des Romans begegnet der Leser noch vielen weiteren Personen wie Maries Vater und Jakobs Eltern, Nachbarn und Bekanntschaften. Wie magisch scheinen alle Protagonisten in Wien auf irgendeine Art und Weise in Verbindung miteinander zu stehen. So ist beispielsweise Gery der Essen-auf-Rädern-Lieferant der Großmutter von Jakob, Hedi. Hedis Tochter Traude wird von ihrem Ehemann mit ihrer Schwester Anna betrogen.

Wie ein roter Faden zieht sich der Selbstmord von Joe durch das Buch, bis es am Ende zur kuriosen Testamentseröffnung im Wiener Prater kommt. 

Ich hatte vor allem zu Beginn des Romans Probleme den Überblick über die handelnden Personen und weiteren Nebencharakteren zu behalten, die zum Teil nur einmalig auftreten, und in das Beziehungsgeflecht einzuordnen. "Mittelstadtrauschen" ist damit kein Roman für Zwischendurch, da man als Leser gezwungen ist, konzentriert den Seiten zu folgen, um keine Verbindung zwischen den Personen zu verpassen. 

Aufgrund der Vielzahl der Charaktere ist keine stringente Handlung vorhanden, der man gespannt folgen könnte. Der Roman besticht jedoch durch die sinnreich gewählten Worte der Autorin, intelligente Wortspiele und anschauliche Metaphern, mit der sie dem Leser die sichtbaren und unsichtbaren Verbindungen der Menschen untereinander aufzeigt. Themen wie persönliche Enttäuschungen, Ängste, Liebe und Einsamkeit in einer Großstadt, in der sich Menschen flüchtig begegnen und nicht wirklich wahrnehmen und kennenlernen, stehen dabei im Vordergrund. 

"Mittelstadtrauschen, hatte Joe es genannt. Die Menschen rauschen an dir vorbei, und die meisten von ihnen erkennst du schon am nächsten Tag nicht wieder. Mittelstadtrauschen, das war seine Bezeichnung für Wien. Weder Metropole noch Kleinstadt – Mittelstadt eben."


Freitag, 11. August 2017

Buchrezension: Jan Moran - Die Zeit der Traubenblüte

Jan Moran

Die Zeit der Traubenblüte


Inhalt: 

San Francisco 1956: Die junge Winzerin Caterina kreiert die besten Weine und träumt davon, ihr Talent für das Familienweingut im Napa Valley einzusetzen. Dafür muss sie aber ihrer resoluten Mutter Ava endlich die Wahrheit offenbaren: Denn Caterina hat eine kleine uneheliche Tochter und ist fest entschlossen, sie trotz der gesellschaftlichen Ablehnung allein großzuziehen. Doch nach ihrem Geständnis weist Ava sie von sich. In ihrer Not tritt Caterina das unerwartete Erbe ihrer italienischen Großmutter an, die ihr ein Weingut in der entfernten Toskana vermacht hat. Doch mit dem Erbe ist ein dunkles Geheimnis verbunden, das alles, was Caterina liebt, bedroht – aber vielleicht auch der Schlüssel zum großen Glück ist. 

Rezension: 

Caterina Rosetta bekommt im Jahr 1956 in San Francisco ein Baby. Die ungewollte Schwangerschaft hat sie sowohl gegenüber dem Vater des Kindes als auch gegenüber ihrer Mutter Ava verschwiegen. Nach der Geburt bringt Caterina es allerdings nicht über das Herz, das Mädchen wie geplant zur Adoption freizugeben. 

Sie fährt sodann nach Napa zum Weingut "Mille Étoiles" ihrer Mutter, um ihr von ihrer Enkelin zu erzählen. Diese empfindet das uneheliche Kind wie erwartet als Schande für die Familie und verweist Caterina aus ihrem Zuhause. Vor Ort trifft Caterina auf Santo Casini, ihren Schwarm aus Jugendtagen und Vater des Kindes, der aber inzwischen verlobt ist, weshalb sie ihm gegenüber weiter verschweigt, dass er Vater geworden ist. Zwischen Santo und Caterina knistert es und sie kommen sich sogar während eines Erdbebens wieder näher, aber sie macht sich keine Hoffnungen auf eine Beziehung mit ihm. 
Fast zeitgleich erfährt Caterina, dass sie von ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter Violetta Maria Romagnoli Rosetta ein Haus in der Toskana geerbt hat. Caterina ist erschüttert. Sie ist bis zuletzt davon ausgegangen, dass ihre Großmutter wie ihr Vater schon seit Jahren tot ist und dass sie keine Verwandten mehr in Italien hat. 

Nach und nach kommen immer mehr Lügen und Halbwahrheiten ihrer sonst so integeren Mutter ans Licht - Familiengeheimnisse, die Caterina endlich lüften möchte. Zusammen mit ihrer Tochter Marisa bricht sie nach Italien auf, um dort das nicht ganz einfache Erbe anzutreten und Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen. 

"Die Zeit der Traubenblüte" ist eine Familiengeschichte, die sich von 1929 bis zum Ende der 50er-Jahre erstreckt, wobei man nur in einzelnen Rückblenden die Vergangenheit ergründet, und die in Italien bzw. in Kalifornien spielt.
Ein Fokus des Romans liegt auf der detaillierten Schilderung der Bewirtschaftung eines Weinguts, des Lebens als Winzerin bzw. Sommelière und den Geschmäcken der Weine. Daneben gilt es, vertuschte Skandale zu offenbaren und lang gehütete Familiengeheimnisse  zu lüften, die aufgrund der antiquierten Moralvorstellungen der damaligen Zeit im Verborgenen bleiben sollten. Da die Familiengeschichte aber prägend für das weitere Leben von Caterina ist, muss sie sich den unbequemen Wahrheiten stellen, um zu ihrem Glück zu finden, auch wenn sie dabei einen Bruch mit ihrer Mutter riskiert. 

Mir war der Roman über die unerfüllte Liebe bzw. die Emanzipation von Caterina einen Hauch zu melodramatisch dargestellt. Sowohl Mutter als auch Tochter haben mit schweren Schicksalsschlägen zu kämpfen und es scheint sogar, als würde sich die Geschichte wiederholen, als beide alleinerziehend und ohne Partner, die Verantwortung für eine Weingut übernehmen. Zudem finden sich auch beide nur zu gern in ihrer Märtyrerrolle wieder, indem sie Dinge verschweigen, um andere zu schützen und damit aber selbst die ganze Last tragen müssen, für die sie nicht allein verantwortlich sind. 

Die Geschichte hätte man deutlich kürzer fassen können, wenn die Autorin nicht in epischer Breite jeden Tag aufs Neue beschrieben hätte, für welche Kleidungsstücke sich Caterina morgens für sich und Marisa entscheidet oder wie friedlich Marisa mit dem Windelhintern in die Höhe in ihrem Bettchen schläft bzw. freundlich vor sich hinquäkt. Das "dunkle Geheimnis" um das Erbe deutet sich auch schon früh an, so dass der Roman etwas langatmig zu lesen ist. Das Ende ist dann an Dramatik kaum mehr zu überbieten und übertrieben Schwarz-Weiß-Malerisch als Duell Gut gegen Böse dargestellt.

Wer allerdings Familiengeschichten mag, die sich über mehrere Generationen erstrecken und in denen starke Frauen die Hauptrolle spielen und dann noch ein Interesse für guten Wein hat, wird sich - bis zum letzten Schluck - mit dem schicksalhaften Roman um Vergangenheitsbewältigung, Liebe und Vergebung gut unterhalten fühlen.  

Mittwoch, 9. August 2017

Buchrezension: Mareike Krügel - Sieh mich an

Mareike Krügel
Sieh mich an

Inhalt:

Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind. Das denkt Katharina, seit sie vor Kurzem das Etwas in ihrer Brust entdeckt hat. Niemand weiß davon, und das ist auch gut so. Denn an diesem Wochenende soll ein letztes Mal alles wie immer sein. Und so entrollt sich das Chaos eines ganz normalen Freitags vor ihr. Während sie aber einen abgetrennten Daumen versorgt, ihren brennenden Trockner löscht und sich auf den emotional nicht unbedenklichen Besuch eines Studienfreundes vorbereitet, beginnt ihr Vorsatz zu bröckeln, und sie stellt sich große Fragen: Ist alles so geworden, wie sie wollte? Ihre Musik, ihre Kinder, die Ehe mit dem in letzter Zeit viel zu abwesenden Costas? Als der Tag fast zu Ende ist, beschließt sie, endlich ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen, den sie liebt.

Rezension: 

Katharina ist ungefähr 40 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt an einem Ort an der Ostsee. Ihr Mann Costas hat nach seiner Arbeitslosigkeit eine Anstellung als Architekt in Berlin gefunden und ist deshalb nur am Wochenende zu Hause. Den Alltag mit all seinen Tücken muss Katha allein bewältigen. 
Eine besondere Herausforderung stellt ihre 11-jährige Tochter dar, die unter ADHS leidet und gerade in die Pubertät kommt. Katha schenkt Helli ihre gesamte Aufmerksamkeit, weshalb sie es kaum schafft, den Haushalt zu bewältigen, zumindest stundenweise ein Zubrot als Musikpädagogin zu verdienen, geschweige denn Zeit für sich selbst hat, um einfach nur hinzusitzen oder die Anrufe ihrer Schwester entgegen zunehmen. 

"Sieh mich an" schildert einen einzigen Tag in Kathas Leben. Es ist ein Freitag im Winter und das erste Wochenende, an dem Costas nicht nach Hause kommt, da er sich verpflichtet fühlt, zu einer betriebsinternen Weihnachtsfeier zu gehen. Katha nutzt die Gelegenheit, ihren Studienfreund Kilian wiederzusehen, den sie seit Jahren nicht getroffen hat und der an diesem Wochenende in der Gegend ist. 

Der Tag beginnt schon denkbar schlecht, als Katha von Hellis Schule gebeten wird, ihre Tochter - mal wieder - wegen Nasenbluten abzuholen. Es folgen ein abgefahrener Seitenspiegel am Auto, ein Trockner, der in Flammen aufgeht und der transsexuelle Nachbar, der sich bei der Reparatur seines Rasenmähers den Daumen abtrennt. In dem ganzen Chaos muss Katha zudem jederzeit mit dem nächsten Ausraster ihrer überdrehten Tochter rechnen. 

Scheinbar unberührt - oder einfach schon daran gewöhnt - gehen die Stunden für Katha voran, bis sie am Abend endlich Kilian am Bahnhof abholen kann. Was Katha eigentlich belastet, ist "das Etwas", das sie Tage zuvor in ihrer Brust ertastet hat und dessen gynäkologische Abklärung sie aufgrund ihrer erblichen Vorbelastung vor sich herschiebt. 

"Das Etwas sitzt in meiner linken Brust und tut alles, was es nicht tun soll: Es wird nicht kleiner, ist nicht beweglich und schmerzt nicht. Es ist, was es ist. Aber es ist schließlich auch nicht seine Aufgabe, mir Hoffnung zu machen."

Mit Katha möchte man wahrlich nicht tauschen und so ist es bewundernswert, dass sie diese Abfolge an unvorhergesehene Ereignissen mit scheinbar stoischer Gelassenheit erträgt, als gehörten diese zu einem normalen Familienalltag. Tatsächlich hegt sie allerdings Selbstmordgedanken, wobei nicht ganz klar ist, wie ernst es ihr mit einem Abgang, der möglichst schonend für die Hinterbliebenen sein soll, tatsächlich ist.

"Sieh mich an" ist ein tragikomischer Roman über eine Frau, die als Studentin noch so viel vorhatte, aber dann zu früh in die Mutterrolle rutschte und mit zwei Kindern keine Zeit mehr für ihre Dissertation und eine Anstellung als Musikwissenschaftlerin hatte. Die ADHS-Erkrankung ihrer Tochter wurde zu spät erkannt und ihr Ehemann glänzt durch permanente Abwesenheit, weshalb auch er im Alltag keine Hilfe ist. Für ihn ist Katha "nur" Hausfrau, die Stunden der musikalischen Früherziehung, die sie an der Musikschule gibt, erkennt sie ja selbst nicht als berufliche Tätigkeit an. Katha funktioniert nur noch und nur die Liebe zur klassischen Musik und der turbulente Alltag lenken sie ab, damit sie sich nicht mehr Sorgen um ihre Gesundheit machen muss. 

Das Thema Brustkrebs bleibt bis zum Ende des Roman eher im Hintergrund, so dass die amüsanten, wenn auch zum Teil bestürzenden Szenen, überwiegen und der Roman insgesamt sehr temporeich und humorvoll zu lesen ist. Als Leser taucht man direkt in die Gedankenwelt von Katha und ihren To-do-Listen ein und nimmt kaum wahr, dass es sich tatsächlich nur um einen Tag im Leben von Katha gehandelt hat und ist geradezu froh, dass man selbst ein so vergleichsweise eintöniges Leben führt. 
Am Ende kann Katha ihre Emotionen aber nicht mehr kontrollieren, sie sieht derart pessimistisch in die Zukunft und da ist es plötzlich doch ihr Ehemann, bei dem sie Halt sucht. 
"Sieh mich an" ist ein außergewöhnlich geschriebener, tiefgründiger Roman, bei der die Handlung trotz aller Übertreibungen nichts an ihrer Authentizität verliert und der sich mit der Frage beschäftigt, wie viel von der eigenen Individualität im täglichen Wahnsinn noch übrig bleibt.

Montag, 7. August 2017

Buchrezension: Fanny Blake - Ein Haus voller Träume

Fanny Blake

Ein Haus voller Träume


Inhalt: 

In ihrem Haus in den andalusischen Bergen wartet Lucy auf ihre Geschwister Jo und Tom. An diesem Wochenende müssen sie sich von ihrem "Haus der Träume" verabschieden, dem Haus, in dem sie ihre Kindheit verbrachten und das nach dem Tod der Mutter nun verkauft werden soll.
Aufgeregt sitzt Jo in Málaga am Flughafen und wartet vergeblich auf den Koffer, in dem die Urne mit der Asche ihrer Mutter ist, während ihre kleine Tochter ein Riesentheater veranstaltet. Tom hingegen kämpft sich mit seinen halbwüchsigen Söhnen und Ehefrau Belle im Mietwagen durch die Hitze, nicht ahnend, dass ihn an diesem Wochenende die Vergangenheit in Gestalt seiner Jugendliebe Maria einholen wird. Und Lucy? Gerade wieder Single, möchte sie am liebsten das Haus behalten, in dem so viele liebgewordene Erinnerungen stecken.
Die drei Geschwister erwarten ein paar Tage voller Entdeckungen, denn ihre Mutter hat jedem der drei etwas hinterlassen, das so manche Überraschung bereithält...


Rezension: 

Hope ist nach kurzer Krankheit in London gestorben, wo sie von ihrer jüngsten Tochter Lucy gepflegt wurde. Die Einäscherung hat bereits stattgefunden und das Testament wurde eröffnet. Anlässlich Hopes Geburtstag finden sich Freunde und Verwandte, vor allem aber die drei Geschwister in ihrem Haus in Andalusien ein, wo sie als Kinder aufgewachsen sind. 

Lucy, die als selbstständige Köchin, schon immer der Mutter in ihrem Bed & Breakfast ausgeholfen hat, bereitet alles für die Abschiedsfeier vor und wartet auf ihre älteren Halbgeschwister. Sie ist diejenige, die am meisten an ihrem alten Zuhause hängt. 
Tom reist zusammen mit seiner auf den ersten Eindruck sehr oberflächlich wirkenden, perfektionistischen Ehefrau Belle und den beiden Söhnen Ethan und Alex im Teenageralter an. Er ist wenig begeistert von Hopes Art, Abschied zu nehmen und möchte die ganze Zeremonie sowie den Verkauf des Hauses schnellstmöglich vorantreiben. 
Die älteste Tochter Jo trifft als letztes aus London zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter Ivy ein. Auf dem Flug nach Malaga ist Jos Koffer verloren gegangen, in dem die sterblichen Überreste von Hope enthalten sind, die in den Wäldern Andalusiens verstreut werden soll. 

Die Geschwister, die alle von unterschiedlichen Vätern sind, haben das Haus in gleichen Teilen geerbt und zusätzlich hat Mutter Hope den dreien noch jeweils eine Überraschung als Abschiedsgeschenk hinterlassen, dass sie bei der Familienfeier lüften sollen. 
Während Jo hofft endlich zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist, den ihr die Mutter all die Jahre vorenthalten hat, hofft Tom nur, dass er das Geld, das er seiner Mutter vor Jahren geliehen hat zurückbekommt. 
Lucy dagegen wird vielmehr von ihrem Ehemann Art überrascht, der ihr ein Geständnis zu machen hat. Die Ehe der beiden leidet unter der ungewollten Kinderlosigkeit. 

Der Roman handelt an einem verlängerten Wochenende im "Casa de Suenos". Es ist ein Familientreffen von Geschwistern, an welchem sie so manches ungesagte Detail aus der Vergangenheit ihrer Mutter enthüllen werden. 
Alle Protagonisten - sogar die zunächst etwas unleidlich wirkende Belle - sind vielschichtig und sympathisch, so dass es beim Lesen Freude macht, die Charaktere, ihre Hintergründe und nicht zuletzt die exzentrische Hope selbst aus Erzählungen und Erinnerungen kennenzulernen. 

Anders als in vielen Familiengeschichten, die ich schon gelesen habe, werden im "Haus der Träume" keine versteckten Tagebücher oder Aufzeichnungen Verstorbener entdeckt und  hochdramatische, brisante Familiengeheimnisse gelüftet. Es ist ein Geschwistertreffen an dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind und an dem sie glücklich waren, bis sie alle nacheinander gezwungen wurden aufgrund einer vermeintlich besseren Schuldbildung nach England zu gehen und dort ihren Weg zu finden. Sie nehmen in Andalusien Abschied von einer Mutter, die ihnen zwar viele Freiheiten ließ, es ihnen aber letztlich nicht immer leicht gemacht hat und vielleicht auch zu wenig gezeigt hat, wie sehr ihre Kinder geliebt hat. 
Vor Ort erfahren sie endlich mehr über die Vergangenheit ihrer Mutter und ihrer eigenen Herkunft. 
Es ist ein sehr authentischer Roman, der eine interessante Frau porträtiert und eine Familiengeschichte an dem wunderschönen Schauplatz Andalusien erzählt.